Halberstadts vergessene jüdische Geschichte und die Schuld der DDR
Heinz-Walter Koch IIHalberstadts vergessene jüdische Geschichte und die Schuld der DDR
Halberstadts jüdische Geschichte wurde lange von Zerstörung und Vergessenheit überschattet. Die Stadt, einst ein Zentrum des neorthodoxen Judentums, verlor ihre Gemeinde zwischen 1938 und 1942 vollständig. Nun untersucht der Historiker Philipp Graf in seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“, wie die DDR dieses Erbe weder bewahrte noch ihre eigene Mittäterschaft beim Antisemitismus aufarbeitete.
Der Niedergang des jüdischen Lebens in Halberstadt begann mit der Zerstörung der Synagoge 1938. Pfarrer Martin Gabriel von der Liebfrauenkirche hielt später fest, dass dieser Angriff den Anfang der größeren Verwüstung der Stadt markierte. Bis 1942 war die Gemeinde ausgelöscht. 1961 blieb nur noch Willy Calm übrig – als einziger offizieller Ansprechpartner für das, was von Halberstadts jüdischer Präsenz geblieben war.
1949 entstand am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte, die zunächst den Opfern von Zwangsarbeit gewidmet war. Doch ihre Bedeutung verschob sich mit der Zeit. 1969 wurde der Ort zu einer Kulisse für politische Treuegelöbnis umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge. Gleichzeitig nutzte die DDR die unterirdischen Stollensysteme des Lagers in den 1970er-Jahren als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.
Grafs Recherchen decken tiefere Versäumnisse auf. Trotz der Verdienste jüdischer Persönlichkeiten wie der Sängerin Lin Jaldati, des Schriftstellers Jurek Becker oder des Politikers Peter Edel erkannte die DDR jüdisches Kulturerbe nie offiziell an. Diese Auslöschung hielt an, während antisemitische Haltungen weiterbestanden. Als 2018 der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen öffentliche Gerüchte über eine angebliche „Verschacherung an Juden“ auslöste, veranlasste dies Graf, die unbewältigte Vergangenheit der Stadt zu untersuchen.
Sein Buch plädiert für eine kritische Neubewertung sowohl des rechtsextremen als auch des linksautoritären Antisemitismus – von der Gründung der DDR 1949 bis zu ihrem Zusammenbruch 1989. Gefordert wird Ehrlichkeit gegenüber einem Erbe, das nie wirklich aufgearbeitet wurde.
Grafs Arbeit zeigt, wie Halberstadts jüdische Geschichte zunächst durch nationalsozialistische Gewalt und später durch DDR-Gleichgültigkeit unterdrückt wurde. Gedenkstätten über Massengräbern, zweckentfremdete Lagertunnel und das Fehlen offizieller Anerkennung verweisen auf eine gezielte Tilgung. Heute verlangt seine Forschung eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – und mit den Vorurteilen, die bis in die Gegenwart nachwirken.






